Vermessen

Ein radiologischer Bericht ist nur dann gut, wenn er an irgendeiner Stelle eine komplexe metrische Angabe enthält, eine Abmessung eines Befundes in drei Raumdimensionen. Als handfester Beleg, als objektiver Fels im Meer der subjektiven Beschreibungen.

Daher wird in der Radiologie auch traditionell viel vermessen: Milzen, Wurmfortsätze, Darmwände, Gallengänge, Pulmonalarterien, Hypophysen und deren Stiele, Zirbeldrüsen, Spinalkanäle. Und natürlich alle umschriebenen Pathologien. Ebenso mannigfaltig sind die Messstile: Die Messangaben mal von gross nach klein geordnet, mal von klein nach gross, von a.p. bis c.c. oder einfach zufällig. Mal mit Angabe der einzelnen Messebenen, um Missverständnisse ganz sicher zu vermeiden, mal ohne Angaben, weil das ja im Bild offensichtlich ist. Auch die Genauigkeit unterscheidet sich: manche messen in Zentimetern, andere in Millimetern, wiederum andere auf Zehntel- oder sogar Hundertstelmillimieter genau. Mikrometer habe ich bisher noch nicht gesehen, Dezimeter auch noch nicht.

Doch es gibt Probleme:

  • Messwerte auf 0,1 mm genau sind im CT und MRT Nonsens. Bei einem FOV von beispielsweise 20 x 20 cm und einer Matrix von 512 x 512 hat ein einzelner Pixel eine Kantenlänge von 0,3 mm. Wie aber soll man dann zwischen 0,1, 0,2 und 0,3 mm unterscheiden können?
  • Messungen in Verlaufskontrollen sind oft wertlos. Erstens: Wenn man nicht weiss, in welche Ebenen und wohin genau der Vorbefunder die Messachsen gelegt hat, erhält man andere Ergebnisse als in der Voruntersuchung. Zweitens: Eine Messung macht nur bei moderaten Veränderungen wirklich Sinn. Wenn der Unterschied zwischen den Untersuchungen deutlich ist, ist eine Messung irrelevant. Wenn der Unterschied hingegen klein ist, dann ist der Messung nicht zu trauen. Jeder weiss, dass man an den Rändern der Läsion ein paar Millimeter herausschinden und so die Messung der eigenen Aussage anpassen kann.
  • Volumenmessungen sind meist nur eine grobe Annäherung. Für Volumenberechnungen verwendet man üblicherweise die Ellipsoidformel (Multiplikation der Messungen in den drei Raumebenen mit 0,52). Dabei setzt man jedoch voraus, das Objekt entspräche einem Ellipsoid oder einer Kugel, Formen, die in der Natur kaum vorkommen. Und häufig werden die Formeln auf Objekte angewandt, die alles andere sind als ein Ellipsoid oder eine Kugel.
  • Oft sagt die Grösse gar nichts aus. Eine entzündete Appendix kann kleiner als 6 mm sein und eine normale Appendix kann grösser sein. Ein Lymphknoten mit Metastasen kann kleiner als 1 cm sein und ein normaler Lymphknoten kann grösser sein. Wenn aber die Grösse kein relevantes Unterscheidungsmerkmal ist, warum sollte man sie dann überhaupt messen?

Sollte man Messungen also ganz bleiben lassen? Ich finde nicht. Zum einen sind Messwerte häufig eine relevante Information für Zuweiser. Oft verwenden sie Klassifikationen mit bestimmten Cutoffs für das klinische Management. Bei der arteriovenösen Malformation im Gehirn etwa kann es für das therapeutische Vorgehen einen grossen Unterschied machen, ob die Läsion kleiner oder grösser als 3 cm ist. Auch wenn man über den Sinn dieser Klassifikationen streiten kann – es ist nun mal Realität, dass Zuweiser diese tagtäglich verwenden. Und als Dienstleister für Zuweiser ist man hier in der Pflicht.

Zum anderen kann sich der Adressat anhand einer Messung etwas unter der absoluten Grösse oder Veränderung eines Objekts vorstellen. Die Messung macht Beschreibungen wie „klein“, „gross“ oder „riesig“ anschaulich, Begriffe, die in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches bedeuten (ein 3 cm grosses intrakranielles Aneurysma gilt als „riesig“, eine 3 cm grosse Raumforderung in der Leber als eher klein). Das Metermass ist ein etablierter Vergleichsmassstab, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann. Was wäre die Alternative: Gliedmassen („faustgross“, „fingerdick“), Hautanhangsgebilde („haarfein“), Lebensmittel („walnussgross“)?

Es ist eine Entscheidung von Fall zu Fall, ob und wie man eine Messung verwendet: Ist sie für den Zuweiser relevant, und wenn ja, warum? Und: Wie lässt sich das Messergebnis am zielführendsten darstellen? Dient die Messung nur der Veranschaulichung, reicht die grobe Angabe der grössten Ausdehnung. Benötigt der Zuweiser hingegen die exakte Grösse, sind alle drei Dimensionen nötig, und zwar möglichst genau, soweit dies methodisch sinnvoll ist; vielleicht wäre eine Flächen- oder Volumenmessung sogar nützlicher.

Solcherart Messen ist sinnvoll, weil es abgewogen ist. Weil hier Urteilsvermögen zum Einsatz kommt, Iudicium. Dieses basiert auf Erfahrung und Reflexion, und es erfordert Mut: Mut, nötigenfalls Konventionen infrage zu stellen und vorherrschenden Normen zu widersprechen. Mut, selbst zu denken und dazu zu stehen.

Sinnlos hingegen ist eine Messung, die unabhängig vom tatsächlichen Bedarf und stets nach demselben Muster erfolgt. Gedankenloses Messen, weil man es immer so macht oder weil es alle so machen, als bequemes Ritual und rigide Tradition. Solche Messungen sind nur eines: überflüssig.

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