Es gibt radiologische Befundberichte, die sind wie das Raumschiff im Film „Independence Day“: Die Erde bebt, ein riesiger Schatten verdunkelt die Grossstadt – am Himmel ein gigantisches Raumschiff, die Menschheit starrt nach oben. Vor einiger Zeit ist mir wieder einmal ein solcher Bericht begegnet, es ging um ein MRT des Gehirns: Zwei eng beschriebene Seiten mit Text in Schriftgrösse neun, jeder Teilbereich des Gehirns gemäss Reihenfolge abgehandelt, jede auch noch so subtile Normvariante ausführlich beschrieben, teils inklusive Messungen auf 0,1 mm genau mit Angabe von Normwerten, Standardabweichungen und Literaturquelle, das Fehlen jeder möglichen Pathologie in extenso erwähnt, allein die Beurteilung sieben Zeilen lang. Ein kolossaler Bericht. Inhaltlich war es ein Normalbefund.
Als ich den Befund einer Kollegin zeigte, war sie voller Bewunderung und Respekt: Wie unglaublich genau und detailliert der Befunder die Bilder wohl angesehen hat, wie unglaublich viel er erkannt hat, wie viel er an möglichen Pathologien berücksichtigt hat, wie viel Arbeit in diesen Befund geflossen ist.
Schon vor längerer Zeit ist mir ein anderer Bericht begegnet, es ging um ein Ganzkörper-MRT bei einem Patienten mit malignem Melanom, die x-te Verlaufskontrolle. Der Bericht, und auch die Vorberichte, vom selben Verfasser, bestand nur aus einem einzigen Wort: „Unauffällig.“ In der Abteilung galt die Norm: so kurz wie möglich. Dieser Bericht erfüllte diese Norm ideal. Wo es nicht mehr zu sagen gibt, ist jedes weitere Wort überflüssig. Dann ist mit dem Wort „unauffällig“ alles Nötige abgehandelt, alles Weitere ist schnödes Beiwerk. Ein Monument von einem Bericht. Selbstsicher, souverän, erhaben. Wow.
Beide Sorten von Berichten lösen etwas bei radiologischen Kollegen aus. Sie nötigen Respekt ab. Sie wirken. Doch die eigentliche Frage ist: wirken sie beim richtigen Publikum?
Ein Befundbericht wird erstellt, weil ein Auftrag von einem Zuweiser vorliegt. Er will ein Informationsdefizit behoben, bestimmte Fragen beantwortet haben. Im Bericht steht sein Name im Adressfeld. Der Befundbericht ist letztlich ein Brief des Radiologen an den Zuweiser. Ein Brief, um ihn zu unterstützen und ihm bei wichtigen Entscheidungen zu helfen.
Was soll ein Zuweiser aber mit einem Bericht anfangen, der einen Normalbefund auf zwei Seiten auswalzt und in dem es wimmelt von ausführlich beschriebenen Banalitäten? Wird er sich denken: „Was für ein sagenhafter Bericht – so unglaublich viele nebensächliche Informationen, jede mögliche, auch noch so abwegige Pathologie ausgeschlossen!“ Oder wird er sich sagen: „Warum benötigt man zwei Seiten, um zum Ausdruck zu bringen, dass etwas völlig normal ist?“ Oder was soll ein Zuweiser mit einem Bericht anfangen, der aus nur einem einzigen Wort besteht? Wird er den Bericht sprachlos vor Ehrfurcht in den Händen halten? Oder wird er sich sagen: „Wie kann ich sicher sein, dass alles Relevante angesehen wurde?“
Wenn ein Zuweiser sich solche Fragen stellt, dann ist dies ein Indiz dafür, dass der Bericht gar nicht an den Zuweiser gerichtet ist. Vielmehr wendet sich ein solcher Bericht an die Kollegen. Er soll bei ihnen Bewunderung und Respekt auslösen. Er soll den Verfasser gut dastehen lassen, ihn profilieren, sei es innerhalb der Abteilung oder innerhalb der Branche. Der Bericht wird hierdurch zur Bühne für den Radiologen, damit er selbst im Scheinwerferlicht stehen kann und zeigen kann, wie viel er sieht und weiss oder aber wie wenig er nötig hat. Der Zuweiser ist dann nur noch Komparse im Ego-Projekt des Radiologen, nur noch Anlass für den Bericht, nicht mehr dessen Ziel. Das rhetorische Dreieck hat sich damit radikal verschoben. Der Kontext, der normalerweise den Hintergrund bildet, wird zur Figur. Der Zuweiser, der die Hauptfigur sein sollte, wird zum Hintergrund degradiert.

Ich denke, eine solche Verschiebung sollte auch im Bericht selbst zum Ausdruck kommen. Mein Vorschlag: die Kollegen ins Adressfeld schreiben, in Kopie: der Zuweiser. Das wäre zumindest ehrlich.